Die Marmeladen-Geschichte

Sabine war 5 Jahre alt. Sie saß mit ihren Eltern am Tisch, es gab Abendbrot.
„Mama, darf ich heute ein Marmeladenbrot essen?“, fragte Sabine mit erwartungsvollen Augen.
„Nein, abends gibt es nichts Süßes, das weißt du doch!“
Ja, Süßes war vor dem Schlafengehen tabu. Keiner wusste wieso, es war halt schon immer so. Da war Sabines Mutter auch ganz streng. Und so aß Sabine, wie jeden Abend, Wurst und Käse auf ihrem Brot.

35 Jahre später

Sabine war 42 Jahre alt. Sie saß mit ihren Kindern am Tisch, es gab Abendbrot.
„Mama, darf ich heute ein Marmeladenbrot essen?“, fragte Nina, die jüngste Tochter, mit erwartungsvollen Augen.
„Nein, mein Kind, abends gibt es nichts Süßes, das weißt du doch!“
Ja, Süßes war vor dem Schlafengehen tabu. Keiner wusste wieso, es war halt schon immer so. Da war Sabine auch ganz streng. Aber Nina gab sich nicht zufrieden.
„Wer sagt eigentlich, dass es abends nichts Süßes geben darf? Bei meiner Freundin Beate ist das anders. Da dürfen wir Kakao trinken und sogar Nutella aufs Brot schmieren.“
Die Mutter war irritiert. Um ihre Tochter fürs Erste zufriedenzustellen, sagte sie schnippisch: „ICH sage das und darüber wird auch nun nicht diskutiert!“

Aber die Frage arbeitete in Sabine. Ja, wer sagte denn eigentlich, dass abends nichts Süßes gegessen werden darf? Sie ging mit dieser Frage ins Bett und wachte morgens damit auf. Ihre Gedanken kreisten nur noch darum. Ihr fiel noch viel mehr ein, was sie tat, weil es immer so getan wurde. Ohne zu hinterfragen. Ihr Leben war völlig durchgeplant. Es gab keine großartigen Veränderungen. Ihre Termine standen Woche für Woche fest.

Ihre Tochter hatte zwar nur diese eine Frage gestellt, aber die gab Sabine heftig zu denken. Sabine wurde plötzlich bewusst, dass ihr Leben absolut durchorganisiert war. Teils selbst gewollt, aber teilweise auch starr und unflexibel von anderen Stimmen derart geprägt, dass es sie innerlich förmlich zerriss. Aber das Meiste davon lief völlig unbewusst ab. Jetzt bekam sie gerade eine Ahnung davon, warum sie eine chronische Unzufriedenheit spürte, die sie jedoch nie in Worte fassen konnte. Sie fühlte sich oft leer und ausgelaugt ohne für sie ersichtliche Gründe.
Sie folgte Stimmen, die gar nicht ihre eigenen waren. Und das Abendessen war nur ein kleines Beispiel von vielen. Wie gerne hätte sie selbst auch mal abends etwas Süßes auf dem Brot gegessen, aber irgendwas war da, was es ihr verbot. Und genau dieses „irgendwas“, das wollte sie nun herausfinden. Sie erinnerte sich an ihre Kindheit. Ihre Mutter hatte immer zu ihr gesagt: „Vor dem Schlafengehen gibt es nichts Süßes!“, und genau das war es, was Sabine ständig hörte. Innerlich. Unbewusst. Und selbst ihre Mutter hatte es wahrscheinlich von ihrer Mutter so übernommen.
So, wie viele Verhaltensmuster wurde auch dieses ungefragt integriert und weiter gereicht. Aber nun war es im Bewusstsein. Sabine war klar, dass auch ihre Tochter das Verhaltensmuster noch weiterlebt, wenn sie es jetzt nicht unterbricht. Und so traf sie für sich eine Entscheidung.

Eine Woche später … alle saßen am Abendtisch. Sabine hatte das noch geschlossene Marmeladenglas provokant mitten auf den Tisch gestellt. Es bemerkte niemand, bis Sabine es in die Hand nahm. Sie öffnete es, strich sich fett Marmelade aufs Brot und alle guckten sie entgeistert an.
„MAMA!!!“, sagte Nina ganz entsetzt.
Aber Sabine guckte nur grinsend in die Runde.
„Was glaubt ihr, wieso ich das jetzt mache?“
„Weil du Lust auf ein Marmeladenbrot hast?“, grinste Nina mit.
„Ja genau“, antwortete die Mutter und dachte: Kinder sind ein Geschenk des Himmels und der beste Spiegel überhaupt. Danke!

Diese Geschichte ist wahr und stammt aus meinem Buch „Vertrauen ist der Schlüssel“
Danke Sabine Schaub, dass ich sie niederschreiben durfte.

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6 thoughts on “Die Marmeladen-Geschichte

  1. Wir übernehmen so vieles von Eltern, Großeltern, Lehrern, Onkeln und Tanten und wissen oft nichtmal den Grund. Viele alte Glaubenssätze warten darauf, überprüft zu werden und manchen kann man dann liebevoll in einem Heißluftballon davonfliegen lassen und aus unserem Leben entlassen…

  2. Martin

    In einem Käfig werden 5 Schimpansen gehalten. In der Mitte des Käfigs hängt an einer Schnur eine Banane herab. Diese kann aber nur über eine Trittleiter erreicht werden. Sobald nun ein Affe versucht, auf die Leiter zu klettern, um an die Bananen zu kommen, werde alle Affen mit kaltem Wasser abgespritzt. Das führt dazu, dass sobald einer der Affen sich der Leiter nähert, die anderen diesen vehement davon abzuhatten versuchen. Selbst als dann kein Wasser mehr gespritzt wird.

    Nun wird ein Affe ausgetauscht. Auch als dieser wieder versucht, sich der Leiter zu nähern, wird er von den andern aggressiv daran gehindert, bis er es dann auch aufgibt. Nun wird ein weiterer Affe ausgetauscht. Das gleiche Spiel wie zuvor, nur dass der erste ausgetauschte Affe noch engagierter an die Abwehr geht.

    Nun kann man immer weiter so austauschen, bis kein Affe der ersten Anfangssituation mehr dabei ist. D.h. das Wissen, warum so gehandelt wird, ist nicht mehr vorhanden, dennoch wird weiter so gehandelt, wie die Tradition dies überliefert….

    • Ja, das gleiche in grün – nur anders. 🙂
      Es gibt auch noch eine von nem Elefanten an einer Kette.
      Auch gleiche Botschaft.
      Hach, ich liebe Geschichten einfach.
      Deshalb schreib ich ja auch selbst welche. 🙂

  3. Liebe Kerstin,
    danke für diese wunderbare, einfache und doch so tiefgründige Geschichte!!! Einfach zauberhaft und sie verdeutlicht so herrlich wie das abläuft, mit den alten, vererbten Überzeugungen und Regeln! Zeit auszubrechen und alles, wirklich alles zu hinterfragen und nach unserer eigenen Wahrheit zu suchen. ♥ Ich danke dir und Sabine! 😉

    PS: Meine Schwester mochte nie Kaffee, weil man den bei uns zu Hause immer mit Milch und Zucker trinken musste. Erst mit Anfang zwanzig kam sie auf die Idee, dass man Kaffee ja auch schwarz trinken dürfen könnte und seither mag sie Kaffee. Komisch… 😉

    • Ja, diese alten Schinken, die ungefragt übernommen werden.
      Schon interessant und ich denke, in jeder Familie gibt es davon zu finden. 🙂

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