Eine berührende Geschichte über die Angst vor dem Tod


Bevor ihr sie lest, möchte ich dazu erwähnen: Sie ist wahr.
Ich habe sie geschrieben als meine Oma starb.
  R.I.P  ♥


Hast du Angst vor dem Tod?


Omi, wie sie liebevoll von ihrem Urenkel Henri genannt wurde, saß mit 86 Jahren in ihrem Schaukelstuhl und genoss die Zeit, die sie mit ihm verbringen durfte. Wenn er das Wohnzimmer betrat, strahlte ihr Gesicht und ihre Augen leuchteten. Auch wenn sie sich nicht mehr so bewegen konnte wie sie wollte, mit ihrem Rollator kam sie immer noch bis zum Süßigkeitenschrank, um Henri zu verwöhnen.

Wenn sie mittags das Essen vom Pflegedienst serviert bekam, konnte man sich darauf verlassen, dass zur rechten Seite ihre Katze Mucki und zur linken Seite Henri mitessen durften. Sie war eine herzensgute Uroma, und Henri genoss es, dass er von ihr so viel Aufmerksamkeit bekam. Ihr Urenkel war für sie ein Geschenk des Himmels, das sie noch erleben durfte.

Sie strickte, wann immer sie die Kräfte dazu hatte, löste Kreuzworträtsel und legte Patience-Karten, um die Zeit sinnvoll zu nutzen. Sie war viel allein, obwohl sie auch von der Familie Besuch bekam. Sie war dankbar dafür, dass sie nicht im Altenheim sitzen musste, sondern von ihren Töchtern im selben Ort, und einem Pflegedienst, der täglich kam, versorgt wurde.

Doch irgendwann bekam sie aus heiterem Himmel argen Durchfall. Die Kräfte verließen sie von Tag zu Tag mehr. Zwei Tage lang begleitete die Tochter, die gegenüber wohnte, ihre Mutter und wusste im Innersten, dass der liebe Gott die Uhr gestellt hatte. Die Schwäche in ihrem Körper und der starre Blick ließen nichts Gutes erahnen. Die Tochter rief noch den Krankenwagen, weil sie hoffte, dass man doch noch etwas tun konnte, aber nur zwei Stunden später schlief die alte Dame im Beisein ihrer drei Kinder ruhig und friedlich ein.

Obwohl sie friedlich gestorben war, und jeder wusste, dass alles gut war, weinte die Familie und trauerte. Es war klar, dass Henri mit seinen vier Jahren davon nichts mitbekommen sollte. Doch der Leichenbestatter leistete großartige Arbeit und sagte, dass Kinder damit ganz anders umgehen würden. Es wäre genau das richtige Alter, um Henri auch mit in die Leichenhalle zu nehmen, damit er sich von Omi verabschieden durfte.

Henri ging also mit seinem Vater zu seiner Omi in die Leichenhalle. Damit er sie besser sehen konnte, nahm sein Vater ihn auf den Arm. Als Henri Omi sah, sagte er: „Papa, wenn ich mal sterbe, will ich auch so viele Kissen haben.“ Dann schaute er Omi eine Weile an und meinte: „Und ich wollte auch noch danke sagen für das viele Essen, was ich immer bei dir bekommen habe.“

Alle aus Omis Familie wussten von diesem Tag an, dass der Tod selbst nichts Bedrohliches darstellt. Die Angst vor ihm ist konstruiert, so wie jede andere Angst auch. Das hat Henri uns mit seinen vier Jahren gezeigt. Danke Henri!


Kerstin Werner aus „Gefühle zeigen erlaubt“

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3 thoughts on “Eine berührende Geschichte über die Angst vor dem Tod

  1. Dankeschön Kerstin für diese schöne, nachdenkliche Geschichte.

    Welch ein Glück für Henri, daß dieser Bestatter ihm so einfühlsam und kindgerecht die Furcht vor dem Anblick der verstorbenen Oma nehmen konnte. Er sich so einbezogen fühlen konnte in den Verlust der Oma und die Trauer um sie.
    Leider wollte man früher Kindern und auch Jugendlichen den Anblick von Verstorbenen ersparen.“ Du sollst sie/ ihn so in Erinnerung behalten wie sie/ er früher war. “
    Und die Beerdigung wollte man auch von dem Kind fernhalten.
    Meine Eltern wollten mich auch bewahren vor dem Anblick meiner Großmutter und dem Abschied von ihr. Im Nachhinein bedauere ich dies sehr.
    Wie gut, daß sich doch einiges in der letzten Zeit geändert hat – nicht zuletzt durch Trauerbegleitung, die vermehrt angeboten und in Anspruch genommen wird.
    Trauer – und der Umgang mit ihr- ein sehr beängstigendes Thema. Für Erwachsene und erst recht für Kinder.
    Diese Geschichte gibt Kindern die Möglichkeit über Traurigkeit, Verlusterfahrungen und die Angst davor zu hören, nachzudenken, zu sprechen.
    Ich kann mir vorstellen, diese Geschichte vorzulesen und als Grundlage für ein Gespräch zu nehmen. Ich hoffe, dies ist in Deinem Sinne.
    Liebe Grüße
    Heike

    • Der Bestatter selbst hat es erst neulich erfahren, dass er in einer Geschichte vorkommt, als er auf einer Lesung war. Es ändert sich viel und schön, dass es Menschen wie dich gibt, die dabei helfen. Du darfst die Geschichte jederzeit vorlesen. Es gibt noch mehr in „Mach dein Leben bunt“, die dir sicherlich dienen könnten. 🙂

      • Dankeschön, Kerstin.
        Das ist für den Bestatter doch eine wichtige und schöne Bestätigung.
        Als ich vor vielen Jahren die Ausbildung machte, nahmen auch schon etliche Bestatter daran teil. Sind sie doch ganz wichtige, oftmals die ersten Ansprechpartner für betroffene Hinterbliebene.
        Bei meiner Arbeit als Familienhelferin hatte ich eher mit den Folgen von nicht verarbeiteten Trauererfahrungen zu tun.

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