Der Tod ist die Einladung zum Leben

Achtung: Dieses Interview mit Claudia Fromme sollte man nicht zwischen Tür und Angel lesen – es könnten Gefühle aufkreuzen, die angenommen werden möchten.

KW1_3382_kleinLiebe Claudia, wir haben uns über Facebook kennen und lieben gelernt und durften uns bereits ein paar Mal persönlich treffen. Dafür bin ich sehr dankbar. Denn du bist eine der Personen, durch die ich etwas Wesentliches für mein Leben begriffen habe: Wenn ich das, was mir als Herausforderung im Leben begegnet, annehme, kann ich ein leichteres Leben führen.

Bevor ich dir ein paar Fragen stelle, bitte ich dich in Kürze zu erzählen, was 2008 geschehen ist, als du mit deiner Familie auf den Weg in den Skiurlaub gewesen bist.

Kurz vorm Ziel unserer Reise hatten wir einen schweren Autounfall auf einer Landstraße nahe Leogang (Österreich). Ich saß am Steuer und hatte plötzlich keine Kontrolle mehr über unseren Sharan. Wir schleuderten und kamen so auf die Gegenspur, wo uns ein VW-Bulli nicht mehr ausweichen konnte. An diesem Tag gingen meine Tochter Annika (13) und mein Mann Michael (40) von dieser Welt. Mein Sohn Felix (damals 10) und ich überlebten den Unfall mit zum Teil schwersten Verletzungen.

72646_577508345674860_1261743194_nDu hast ein Buch darüber geschrieben, vor allem, wie du damit umgegangen bist. Mir sind zwei Sätze im Kopf geblieben ohne dein Buch nochmal hervorzuholen. Der erste Satz ist: „Was mich betrifft – ich sah mich immer auf der Sonnenseite des Lebens.“ Du beginnst damit das Buch und beendest es damit. Ich glaube, dass DAS viele nicht begreifen können. Wie kann man so etwas erleben und gleichzeitig so denken? Gibt es so etwas wie ein Geheimrezept?

Ein allgemeingültiges Geheimrezept gibt es wohl nicht, aber ich habe für mich einen Weg gefunden, der mich heute aus tiefstem Herzen sagen lässt, dass ich mich immer noch auf der Sonnenseite des Lebens sehe. Und ich freue mich, dir und deinen Lesern davon erzählen zu dürfen.

Ein ganz besonderer, ja fast schon magischer, Augenblick auf meinen Weg war sicherlich meine Reaktion, als ich erfuhr, was für Ausmaße unser Unfall hatte. Ich lag zu dem Zeitpunkt schwerstverletzt, in Lebensgefahr schwebend, auf der Intensivstation. Und während man mir sagte, was passiert ist, war in meinem Inneren eine ganz tiefe Ruhe, die mir sehr viel Halt und Kraft gegeben hat. Ich antwortete: „Ich nehme das Schicksal an.“

Was für mich so besonders war: Die Worte kamen zwar aus meinem Mund, aber ich war selber absolut überrascht, was mein Mund da aussprach. Dieser Satz entsprang nicht meinem rationalen Verstand, er kam tief aus meinem Inneren, dem Ort an dem ich diese tiefe Kraft und Ruhe empfand.

Ich habe mich nie gefragt, ob es mir jemals gelingen würde, so ein schweres Schicksal annehmen zu können. Ich spürte einfach in diesem Moment eine so große Klarheit, dass genau dies mein Weg sein sollte.

Genau das ist es, was ich von dir gelernt habe bzw. durch dich vertiefen durfte. Dafür danke ich dir. Der zweite Satz meinerseits wäre gewesen „Ich nehme das Schicksal an“, den du somit schon gleich mit erwähnt hast. Das war für dich ein Schlüssel oder? Würdest du uns sagen, was du genau mit „annehmen“ meinst?

Ja, genau so empfinde ich es auch, dass dieser Moment für mich und meinen Weg zurück in ein lebenswertes Leben ein ganz wichtiger Schlüssel war. Zum Thema „annehmen“ möchte ich gerne einige Zeilen aus meinem Buch (Kapitel: Alles verändert sich – nichts bleibt bestehen) zitieren:

„Annehmen bedeutet nicht, dass ich gutheiße, was passiert ist. Es ist eher die Einsicht, dass ich das Geschehene nicht ändern kann. Annehmen bedeutet nicht, dass es nicht fürchterlich weh tut. Es ist eher die Bereitschaft, den Schmerz auszuhalten. Annehmen bedeutet Vertrauen zu haben, dass nichts ohne Sinn geschieht, auch wenn ich ihn momentan nicht erkennen konnte.“

Für mich bedeutet eine Situation annehmen zu können, sie ohne Beurteilung einfach da sein zu lassen. Ich bin mir sicher, dass immer nur unsere verurteilenden Gedanken zu einer Situation Leid in uns auslösen. Natürlich bin ich durch einen der schmerzvollsten Prozesse in meinem Leben gegangen, aber ich habe mich nie gegen diesen Schmerz gewehrt. Ich habe ihn zugelassen und durchfühlt, mit jeder Faser meines Körpers. Selbst wenn man eine Situation momentan nicht annehmen kann, hilft es einem, auch das annehmen zu können.

Ich finde die Worte von Eckhart Tolle beschreiben ganz gut, was ich damit meine:

„Akzeptiere das, was ist.“
„Das kann ich wirklich nicht. Es regt mich auf und macht mich wütend.“
„Dann akzeptiere das, was ist.“
„Ich soll akzeptieren, dass ich mich aufrege und wütend bin und dass ich das nicht akzeptieren kann?“
„Ja. Akzeptiere, dass du es nicht akzeptieren kannst. Begegne deinem Widerstand mit Widerstandslosigkeit. Und dann sieh, was geschieht.“

Es gibt viele Menschen, die ähnliches erlebt haben wie du. Aber nicht alle finden den Weg aus der Trauer ins Leben zurück. Lese ich bei dir richtig raus, dass deine traurigen Gefühle zum Leben dazu gehören? Dass du sie gar nicht erst weghaben willst? Und dass deshalb alles viel leichter ist? Das ist ziemlich konfus für den Kopf. Was würdest du gerne den Menschen sagen, die glauben, dass sie eine solche Situation nie gemeistert bekommen?

Ich würde Ihnen sagen, dass ich es mir auch im Vorfeld niemals hätte vorstellen können.

Ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass mir mein rationaler Verstand kein guter Ratgeber ist. Der Verstand möchte verstehen – dazu ist er da. Da steht dann als erstes das große „WARUM“ im Vordergrund. Und diese Frage würde mich im Kreis drehen lassen, weil es keine Antwort gibt, mit der sich mein Verstand zufrieden geben würde. Ich habe mir nie diese Frage gestellt. Ich vertraue darauf, dass ich diese Erfahrung jetzt durchleben kann und ich mit einer Quelle in Verbindung stehe, die mir immer ausreichend Kraft zur Verfügung stellt.

Ich durfte zehn Tage nach dem Unfall eine ganz besondere Erfahrung machen. Mitten in der Nacht wachte ich auf, fühlte mich zum ersten Mal, trotz meiner schweren Verletzungen, komplett schmerzfrei, als mich plötzlich eine unbeschreibliche Liebe erfüllte, wie ich sie in solch einer Intensität noch niemals vorher gespürt habe. Diese Liebe trägt mich seit diesem Tag und es ist meine größte Kraftquelle geworden.

In diesem Video liest Claudia genau diesen Auszug aus dem Buch vor:

Meine Gefühle gehören zu mir, sie sind auch der Ausdruck meiner Trauer – an manchen Tagen empfinde ich eine große Leere, an anderen erfreuen mich Kleinigkeiten. Egal welche Gefühle kommen, sie dürfen da sein. Ich lasse sie einfach so wie sie sind. Ich muss sie nicht in gut oder schlecht bewerten. Sie dürfen so sein.

Nicht nur meine Gefühle sind wichtig, auch meine Gedanken sind es. Sie sind das machtvollste Instrument, was ich besitze. Das, was ich immer wieder denke, manifestiert sich als meine Wahrheit. Ich kann zum Beispiel am Morgen nach dem Aufwachen auf mein Leben schimpfen und voller Selbstmitleid sein, aber ich darf auch auf einen angenehmen Tag hoffen, und so die Möglichkeit offen lassen, dass mich unerwartetes beschenkt und bereichert.

Gute Gedanken sind für mich der Schlüssel zu einem positiven Leben. Alles können wir mit unseren Gedanken lenken. Immer wieder rufe ich mir das in Erinnerung. Ich verdränge meine Trauer nicht, wenn ich meine Gedanken auf das Licht und die Liebe fokussiere anstatt auf Schmerz und Trennung. Ich bin sicher, nur so kann ich wieder glücklich sein. Und nicht nur ich, sondern jeder Mensch verdient ein glückliches selbstbestimmtes Leben.

Der letzte Satz ist in meinen Augen die Essenz, die es überhaupt erst ermöglicht, glücklich leben zu können. Du hast dir damit die Erlaubnis gegeben. Und die Erlaubnis öffnet Tore. Was ich von dir weiß, dass du vor dem Unfall auch bereits ein glückliches Leben geführt hast. Gibt es einen Unterschied zwischen dem „glücklich“ davor und danach?

Ja, den gibt es tatsächlich. Früher habe ich Glück hauptsächlich an großen Ereignissen festgemacht. Heute habe ich das Gefühl, das es eher die kleinen Dinge sind, die mir Glücksmomente schenken. Ich habe erfahren, wie schnell ein Leben von einer Minute auf die andere vorbei sein kann und das es sich lohnt, den Moment bewusst zu leben und diesen Moment so gut und kostbar wie möglich zu machen. Das klingt verrückt, weil es viele Menschen gibt, die nach einem Verlust eher das Gefühl haben, gar nichts mehr empfinden zu können, geschweige denn Glück.

Ich habe für mich die Antwort in einem Zitat von Safi Nidiaye gefunden. Dort sagt sie, dass sich Schmerz und Freude einander nicht ausschließen. Der Schmerz hält uns nur so lange von der Freude ab, wie wir uns gegen ihn verschließen, weil wir uns damit vor dem Fühlen an sich verschließen.

Ich lag damals nach dem Unfall fast sieben Wochen im Krankenhaus. Täglich nahm ich mir bewusst Zeit meinen Schmerz zu fühlen. Es war schon zu meinem Ritual geworden, dass ich mir jeden Morgen nach dem Frühstück meine Tasche nahm, in der ich all die Briefe und Karten von Freunden und Menschen, die Anteil nahmen, aufbewahrte. Ich las sie immer wieder und ich fühlte den Schmerz und konnte wunderbar weinen. Ich habe damals ganz intuitiv gehandelt, erst heute habe ich erkannt, dass ich durch das körperliche Durchfühlen des Schmerzes die Weichen gestellt habe, auch wieder glücklich Momente fühlen zu können.

Puh, ganz schön inhaltsreiche Antworten, die erstmal sacken dürfen. Irgendwie hab ich das Gefühl, es ist alles gesagt. Magst du noch ein paar Schlussworte an die Leser richten?

Ich möchte mich erstmal bei dir bedanken. Durch deine Fragen und meine daraus entstandenen Antworten hat sich auch bei mir wieder ganz viel bewegt.

Den Lesern wünsche ich immer das nötige Vertrauen in die eigene Kraft zu haben. Leben ist wertvoll und wir können selber so viel dazu beitragen, dass wir es auch so empfinden können.

Falls ihr ein Buch handsigniert haben möchtet, könnt ihr Claudia gerne auf ihrer Fanseite kontaktieren. Dort findet ihr unter dem Punkt TERMINE auch die Lesungen, die sie anbietet.

Claudias Buch findet ihr HIER
Claudias Fanseite auf Facebook HIER <<< liken eigentlich ein Muss. 😉

Alles Liebe für euch
Eure Kerstin
www.Autorin-mit-Herz.de

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