Mein Leben – eine Geschichte zum Nachdenken

Mirko war 42 Jahre alt und ein großartiger Mann. Alle konnten ihn gut leiden. Streit mit Mirko war nahezu unmöglich. Seine Frau war total stolz auf ihn. Denn als Ortsbürgermeister war er überaus angesehen. Die Gemeinde kam immer wieder mit neuen Anregungen zu ihm. Und er tat alles dafür, dass die Bürger glücklich waren.

Außerdem war er ein Computergenie und half, wo er helfen konnte. Seine Eltern erzählten jedem, wie toll er war. Wie flott er den PC repariert hatte. Und dass er auch sonst Höchstleistungen erbrachte. Im Schwimmen schaffte er in 22 Minuten 1000 Meter. Deshalb wurde er auch gefragt, ob er nicht die Kids trainieren wolle. Mirko fühlte sich geehrt und übernahm auch diesen Posten.

Wenn seine Freunde über ihn sprachen, sagten sie Sätze wie „Mirko ist toll, wenn ich etwas brauche, ist er sofort zur Stelle.“ „Wenn ich Probleme habe, Mirko hört mir immer zu, er ist auch immer so gut gelaunt.“ „Mirko kann sich super anpassen. Er ist überall beliebt.“

Und dann klingelte irgendwann das Telefon seiner Frau auf der Arbeit. Mirko hatte versucht, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. Er hatte überlebt, lag aber noch auf der Intensivstation. Die Ärzte gaben seiner Frau Mirkos Klamotten. Sie hatte Tränen in den Augen und konnte das Schluchzen kaum zurück halten. Sie setzte sich in den Gang vor sein Zimmer, um sich zu beruhigen, was ihr alles andere als leicht fiel.

Wie hatte das passieren können? Wieso habe ich nichts davon gemerkt? Wieso hat er mir nichts gesagt? Warum nur? Viele Fragen schossen durch ihren Kopf. Sie war völlig verzweifelt.

Sie kramte in den Taschen von Mirkos Jeans und fand einen zusammen geknüllten Zettel. Sie hoffte, dort Antworten auf ihre Fragen zu finden. Vielleicht ein Abschiedsbrief? Sie zitterte. Dann breitete sie den Zettel auf ihren Beinen aus und strich ihn mit der Hand glatt, um ihn lesen zu können. In Mirkos Handschrift standen folgende Worte drauf: „Mein Leben hat allen gefallen, nur mir nicht.“

Kerstin Werner
www.kerstin-werner.de

Aus meinem Buch „Gefühle zeigen erlaubt“

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