Psychisch krank?

„Hast du schon gehört? Erwin ist krank. Seine Psyche ist labil.
Er musste jetzt deswegen in eine Klinik. Schlimm oder?“

„Was ist in deinen Augen daran schlimm?“

„Na, er kriegt sein Leben allein nicht auf die Reihe. Aber jetzt wird ihm hoffentlich geholfen.“

„Jetzt mal im Ernst: Du schimpfst seit Jahren über deinen Chef, bist unglücklich im Job, änderst aber nichts. Du nörgelst schon seit ewigen Zeiten, dass dein Mann trinkt und du nicht weißt, wie du an ihn rankommen könntest, um das Thema anzusprechen. Dann bist du chronisch unglücklich, hast immer zu wenig Geld und jammerst nur noch. Du urteilst über Menschen, weil sie angeblich ihr Leben nicht auf die Reihe bekommen. Glaubst du etwa, du seist gesund?
Wenn überhaupt ein ‚krank‘ existiert, dann sind es in meinen Augen die Menschen, die im Leid verharren, sich ihrer Opferrolle hingeben und nichts ändern. Die Unterteilung in krank und gesund finde ich schwachsinnig. Wenn jeder sich an die eigene Nase packen würde, befänden sich wahrscheinlich viele dort, wo Erwin jetzt ist. Sie würden sich Hilfe holen. Das tun sie aber nicht. Aus Angst, als Schwächlinge dazustehen. Dabei sind es die Starken, die ihre Schwächen zulassen. Wie viele Menschen leiden, aber ändern nichts? Wieso ist es in der Gesellschaft immer noch verpönt, sich weiterzuentwickeln?
Jede psychosomatische Klinik, jeder Therapeut und jeder Coach dient genau dazu. Und ich finde es sehr anmaßend, jemanden als krank abzustempeln, der in meinen Augen schlicht und ergreifend einfach nur den Mut besitzt, sich seinen verdrängten Gefühlen zu stellen, die oft schmerzhaft sind. Davor haben nämlich viele Angst.
Ach, und falls es dich interessiert: In deinen Augen bin ich wahrscheinlich auch psychisch krank. Obwohl ich mit meinem Leben recht zufrieden bin, gehe ich regelmäßig zu einem Coach, um noch mehr Bewusstheit zu erlangen und meinen Horizont zu dehnen.“

„Ach wirklich? Das hätte ich nicht gedacht.“

„Ja, wirklich!“


Dies ist ein Auszug aus meinem Buch „So ist das also!“

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So ist das also!

5 thoughts on “Psychisch krank?

  1. Das ist ein Thema, wo ich mich auch gut auskenne. Wie oft wird etwas verurteilt oder sieht man selbst nicht. Bis dann eines Tages der große Knall kommt. So war es bei mir. Es dauert noch seine Zeit um seine „Krankheit“ zu erkennen und den richtigen Weg zu finden. Es gehört sicher auch Mut dazu. Als ich es annahm und offen damit umging, konnte ich sehr gut das Verhalten der anderen beobachten. Einige zogen sich von mir zurück. Ich war doch noch derselbe Mensch nur eben schwach. So kannte man mich nicht und hatte Berührungsängste. Immer noch sind psychische Krankheiten verrufen dabei geht es so schnell, dass es einen selbst erwischen kann.

  2. Helen Mc Fadden

    Liebe Kerstin, dem kann ich nur zustimmen. Wir sollten alle unterstützend und füreinander da sein. Ich sehe nur stärke darin, sich weiter zu bilden oder zu entwickeln, als zu jammern und anderen immer die Schuld für unser befinden geben.

  3. Ich bin bald 53 Jahre alt und hab Psoriasis Arthritis (PsA). Da es mir leider psychisch in Folge der Erkrankung nicht sehr gut geht, stellte ich einen Antrag auf Rehabilitation. Die Antwort vom Amt: …..Blablabala….dass nach Prüfung der medizinischen Unterlagen Ihrem Antrag nicht stattgegeben werden kann, da die notwendige Belastbarkeit für die Durchführung eines stationären Heilverfahrens in Ihrem Fall derzeit nicht gegeben ist.
    >Wie gut muss es mir denn gehen, damit ich die Heilbehandlung genehmigt bekomme?< Ich habe noch NIE Hilfe in dieser Form beantragt und nun kommt diese Antwort. Ich bin mehr als enttäuscht.

    • Scheint so, als wenn es dir noch schlechter gehen muss, wenn ich das lese oder?

      Kennst du keine Alternativ-Wege?
      Kenne deine Situation jetzt nicht im Detail, daher frage ich.

  4. Ramona

    Ich bin 33 Jahre und seit genau 5 Jahren in einer Behindertenwerkstatt tätig (durch meine Psyche, nicht Belastbar usw.) mir geht und gefällt es dort sehr gut. Habe von Jahr zu Jahr gelernt damit zu Leben und damit besser umzugehen. Es waren einige Schritte nötig um soweit zu kommen. Geholfen haben mir dabei vor allem meine Freunde und ich mir selbst da ich die Hilfe zugelassen habe. Freunde, Arbeitskollegen, meine Arbeit (Kunsthandwerk) und meine Wellensittiche, geben mir Kraft und Halt. Viele Menschen können und wollen auch Hilfe nicht zulassen, aber auch das verstehen das bei Ihnen etwas nicht stimmt haben sie nicht. Aber auch Menschen um sich zu haben die immer nur negativ reden, kein einsehen haben und meinen immer andere sind schuld und ich habe doch nichts getan machen ein Depressiv und frustiert. Der erste Schritt ist, sich von solchen Menschen fernzuhalten, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt. Das ich den Schritt getan habe mich von meiner Familie zu lösen, da sie solche Menschen sind erforderte sehr viel Kraft. Aber es geht mir gut und ich weiß, das es der richtige Schritt war und das ich noch weiter kommen kann und auch das es mir bald wieder so gut geht das ich hoffentlich auf den ersten Arbeitsmarkt wieder Arbeiten kann. Sich Zeit geben und nicht unter Druck setzen ist das A und O. Diese Einstellung hatte ich früher nicht, aber so ist vieles leichter geworden.

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