Spiegel der Vergangenheit

Paula war am Ende mit ihren Nerven. Ihre 13-jährige Tochter Annika trieb sie mit ihrem Trotz und Starrsinn noch an die Grenzen ihrer Kraft. Seit Jahren schon kämpfte Paula darum, endlich Zugang zu ihr zu finden, aber ein liebevoller Umgang war kaum mehr möglich. Annika war störrisch, hatte ihren eigenen Kopf und sagte grundsätzlich erst mal NEIN, wenn sie von ihrer Mutter um etwas gebeten wurde. Und so gab es inzwischen fast täglich Situationen, die eskalierten. Streit war an der Tagesordnung. Paula wusste langsam keinen Ausweg mehr. Sie nahm sich aus lauter Verzweiflung einen Termin bei einem Heilpraktiker, der, ganzheitlich orientiert, ein gutes Händchen haben soll. So sagten es zumindest die Leute im Dorf.

Als sie im Wartezimmer saß, schaute sie gedankenverloren aus dem Fenster. Sie fragte sich, wie es nur so weit hatte kommen können. Sie verurteilte sich selbst dafür, dass sie immer an die Decke ging. Aber Annika provozierte sie ja auch ständig.

„Frau Schmidtke bitte!“, wurde sie aus ihren Gedanken gerissen.
Herr Beils war ein Heilpraktiker, dessen Erscheinungsbild eher unauffällig war. Aber seine großen, braunen Augen sprachen für sich. Wenn er einen anschaute, fühlte man sich gleich gut aufgehoben. Er hatte etwas Warmherziges, das man nicht in Worte fassen konnte, aber man hatte gleich ein Gefühl von Geborgenheit.
„Was haben Sie denn auf dem Herzen?“, fragte er Paula mit einer angenehm sanften und einfühlsamen Stimme.
Paula erzählte daraufhin, was sie schon seit Jahren belastete. Herr Beils hörte ihr aufmerksam zu. Da er selbst Kinder hatte, konnte er recht schnell die Zusammenhänge erfassen. Er ahnte, wo die Lösung für Paulas Problem liegen könnte.

„Was könnte Annika Ihnen mit ihrem Verhalten zeigen wollen?“, fragte er, aber Paula konnte ihm spontan keine Antwort geben.
„Kinder sind unser bester Spiegel. Sie zeigt Ihnen, was Sie in sich ablehnen. Deshalb macht es Sie auch so wütend. Ihre Tochter wehrt sich gegen alles Mögliche, sagt zu allem erst mal NEIN und ist stur. Wie sieht das denn bei Ihnen aus?“
„Ich bin genau das Gegenteil! Schon als Kind musste ich immer gehorchen. Ich war ein liebes Kind, das sich angepasst hat. Ich hatte aber auch keine andere Wahl. Denn sonst hätte ich von meinem Vater Schläge bekommen!“
Paula standen die Tränen in den Augen, als sie das sagte, weil der Gedanke an Schläge sie an den Missbrauch von früher erinnerten. Ihr Vater hatte sich verbal nie durchsetzen können. Weil er sich nicht anders zu helfen wusste, schlug er seine Kinder. Er hatte anscheinend keine andere Lösung und Paula litt auch heute noch darunter.
Mitfühlend reichte Herr Beils ihr ein Taschentuch.

„Genau das meinte ich, Frau Schmidtke, als ich von den Spiegeln sprach. Wenn Eltern sich über das Verhalten der Kinder aufregen, sind es oft Dinge, die sie selbst gerne ausleben würden, sich aber nicht trauen. Oder aber sie lehnen etwas ab, was sie an ihren Kindern nervt. Wie auch bei Ihnen liegt der Grund dafür in der eigenen Kindheit. Ihre eigene Kinderseele, die damals verletzt und unterdrückt wurde – die schreit jetzt. Es ist also nicht das Thema Ihrer Tochter. Es ist Ihr eigenes.“

Paula schluchzte. Ihr wurde schlagartig klar, dass sie Annika unrecht tat, wenn sie mit ihr schimpfte. Sie handelte aus Unwissenheit und wusste es bislang nicht besser. Jetzt durfte Paula die Verantwortung für ihre verletzte Kinderseele übernehmen. Der Heilpraktiker empfahl ihr Meditations-CDs zur Aussöhnung mit dem inneren Kind und vereinbarte weitere Termine mit Paula, um ihre Kinderseele Schritt für Schritt in die Heilung zu führen. Der erste und wichtigste Schritt war dafür getan.

Am Ende der ersten Sprechstunde fragte er: „Wenn Sie an Ihre Tochter denken, was sind jetzt für Gedanken präsent?“
„Ich bin ihr dankbar. Sie hat mir meine Verletzungen aus der Kindheit gespiegelt.“

In den darauffolgenden Wochen erlebte Paula einen faszinierenden Wandel. Nur durch die Klarheit, die sie selbst erlangte, konnte sie ihr Herz für Annika wieder öffnen. Sie kamen sich immer näher. Es dauerte zwar seine Zeit, aber man konnte deutlich spüren, dass die Energie zwischen den beiden eine andere war. In Situationen, in denen Paula zuvor explodiert war, wusste sie nun um diesen Spiegel und bot ihrer Tochter somit keine Angriffsfläche mehr. Es ärgerte sie nicht mehr, denn Paula wusste, dass auch Annika aus Unwissenheit diese Rolle übernommen hatte. Stattdessen fühlte Paula mit ihrer Tochter.
Genau das führte dazu, dass die spannungsgeladenen Situationen immer weniger wurden. Es passierte einfach, ohne dass Paula je mit ihrer Tochter darüber gesprochen hatte.

Wochen später saß Paula wieder bei ihrem Heilpraktiker. Sie sprachen darüber, was sich in den letzten Monaten verändert hatte.
„Ich bin glücklich, dass ich den Mut hatte, hierher zu kommen. Sonst hätte ich wahrscheinlich niemals verstanden, dass die Verantwortung bei mir liegt. Dass ich, wenn auch unbewusst, meine eigenen Themen auf die Kinder übertrage, wenn ich sie nicht auflöse. Durch meine Veränderung ist meine Tochter heute wie ausgewechselt. Vorgestern Abend konnte ich sie das erste Mal nach langer Zeit in die Arme nehmen und ihr sagen, dass ich sie liebe.“

Diese Geschichte ist aus meinem Buch „Dein Herz darf leuchten“

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Headerfoto: Jügen Adler

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