Von Pats ewigem Lächeln

An einem Wochenendseminar über das Gesetz der Anziehung nahm vor ein paar Jahren eine sehr gutaussehende Frau so um die fünfunddreißig teil. Ich werde sie Pat nennen. Sie konnte einfach nicht anders als ungeheuer nett zu sein. Ein süßholzraspelndes Tugendlamm.

Sie machte mir Komplimente wegen meiner Kleidung, dabei laufe ich in diesen Seminaren immer in Sweatshirt und Jeans mit Löchern rum. Sie überhäufte den Koch mit Aufmerksamkeiten. Sie lobte die anderen Teilnehmer überschwänglich für die Aufrichtigkeit, mit der sie über ihre vergangenen Probleme sprachen und sie in Beziehung zu ihrem derzeitigen ernüchternden Gefühlen setzten. Sie war dermaßen fröhlich und freundlich, dass sie mir allmählich gewaltig auf die Nerven ging.

Nachdem der erste Abend um war und wir unser Abendessen beendet hatten, verließ Pat den Speisesaal. Danach stolperte sie direkt über einen großen Aschenbecher, der draußen neben der Tür stand und fiel der Länge nach in den Matsch. Vollkommen fröhlich, als ob nichts passiert wäre, stand sie wieder auf. Irgendetwas stimmt mit ihr ganz und gar nicht.

Am nächsten Tag war Pat wieder die Gleiche: Jede Menge Komplimente, Lob, ein ständiges Lächeln und noch mehr Unfälle. Sie stolperte über einen Stuhl im Esszimmer, wobei der Inhalt ihrer Kaffeetasse im Teller eines Teilnehmer landete. Sie verschluckte sich an einem Bonbon, während jemand seine wirklich schmerzliche Geschichte erzählte, so dass ihr jemand heftig auf den Rücken klopfen musste. Dem hünenhaften Mann gegenüber, der ihr sozusagen das Leben gerettet hatte, überschlug sie sich fast vor Dankbarkeit. Pat stolplerte nicht von Unglücksfall in den nächsten, sie war selbst eine Art „wandelnder Unglücksfall“.

Nachdem die Teilnehmer nicht locker ließen, sie auszufragen, kam schließlich ihre Geschichte zu Tage. Sie stammte aus einer zutiefst religösen Familie, in der man einfach „gut“ zu sein hatte. Über die Einhaltung dieser strengen Lebensregeln wachte ein despotischer Vater, der auch noch Pfarrer war, in das in der dritten Generation! Pat hatte dieses „sei immer gut zu anderen, egal wie du dich fühlst“ dermaßen verinnerlicht, dass sie felsenfest davon überzeugt war, es müsse so sein. Das wäre auch durchaus plausibel gewesen, hätten sich hinter ihrem Lächeln nicht immer starke Gefühle der Abneigung verborgen.

„Ich hasste es, mich immer so korrekt und einschmeichelnd verhalten zu müssen, besonders Älteren gegenüber“, erzählte sie ganz ruhig in einer Sitzung. „Den Erwachsenen Komplimente zu machen, war grauenhaft für mich, aber ich musste es tun. Und zwar ständig.“

So erklärte sich also das Chaos in Pats Leben. Trotz ihres Universitätsabschlusses hatte ihr noch kein Arbeitgeber je die Chance geboten, über die Einsteigsposition hinauszukommen. Sie war bereits dreimal geschieden und hatte so viele Unfälle gebaut, dass ihr ihre KFZ-Versicherung schon die Vertragskündigung angedroht hatte. Ihr Leben spielte sich zwischen Extremen ab, trotzdem konnten die meisten von uns die Ursache dafür ganz gut nachvollziehen. Mit ihrem Einverständnis fingen wir an, einen Zusammenhang zwischen ihrem Leben und ihren Gefühlen zu suchen.

Das Ergebnis war wirklich erstaunlich. Für jeden von uns war nach kurzer Zeit ersichtlich, wie Pats lang gehegte, aber verdrängte Gefühle der Verwirrung, der Feindseligkeit und der Minderwertigkeit dazu führten, dass sie mit jedem Kompliment oder Lächeln zugleich niedrige Schwingungen aussandte. Auch sie selbst begriff es sofort. Sie erkannte den direkten Zusammenhang zwischen dem, was sie ausstrahlte und dem, was sie dadurch wie ein Magnet wiederum in ihr Leben zog. „Mist raus, Mist zurück“ sagte jemand. Es war ihr vollkommen klar.

Pat blieb in Kontakt mit mir und erzählte mir von einer aufregenden Wandlung in ihrem Leben und von mehr Fülle, als sie sich je hatte träumen lassen. Sie hörte auf, es jedem außer sich selbst recht machen zu wollen und wagte sich sogar mit gelegentlicher Kritik hervor. Jetzt lächelte sie nur noch, wenn ihr wirklich danach zumute war und verteilte nur noch ehrlich gemeinte Komplimente.

Heute ist Pat Leiterin eines eigenen Heims für Suchtkranke. Sie lebt seit zwei Jahren mit ein und demselben Partner zusammen und hat nicht einmal mehr den kleinsten Blechschaden verursacht. Was wir aussenden, kommt zu uns zurück. Pat hat schwer daran gearbeitet, ihre negative Ausstrahlung zu verändern. Negative Gefühle werden zwar nie ganz verschwinden – das gilt für uns alle – aber die Dankbarkeit und Wertschätzung, die Pat heute empfindet, im Gegensatz zur früheren Aussichtslosigkeit und Frustation, haben ihr Leben entscheidend verändert.

Die Gefühle, die wir aussenden, liefern uns genau ihre Entsprechungen. So einfach ist das.

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Diese Geschichte ist ein Auszug aus dem Buch „Aufwachen, dein Leben wartet“
von Lynn Grabhorn. Empfehlenswert!

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