Wo ist die Welt?

Neulich sagte jemand zu mir: „Ich fühle mich nicht mehr sicher in meinem Deutschland. Wenn Ausländer in mein Geschäft kommen, bekomme ich richtig Angst.“

Ich wundere mich und schweige, weil ich weiß, dass nun alles, was ich sagen würde, nicht wirklich verstanden werden würde. Ja, so geht es mir in letzter Zeit öfter. Ich schweige. Dabei würde ich gerne mal kundtun, was mir wirklich durch den Kopf geht. Ich denke nochmal über die Worte nach und frage mich, was die Person wohl mit „meinem Deutschland“ meinen könnte.

Diese Unsicherheit – ich fühle sie einfach nicht.
Bin ich zu naiv?

Dann sehe ich ein Video auf Facebook, wo ein Syrier mitten im Kriegsgebiet seiner Hilflosigkeit freien Lauf lässt. „Wohin sollen wir gehen? Wo ist die Welt?“, schreit er in die Kamera. Ich bin ehrlich: Mir stehen die Tränen in den Augen. Ich kann es mir nicht bis zum Schluss anschauen.

Als ich anschließend ins Schwimmbad fahre, sehe ich 4 junge Männer. Wahrscheinlich aus Syrien. Einen davon hatte ich dort schonmal gesehen. Er war mir durch sein charmantes Lächeln aufgefallen.

Ich nehme mit diesen Männern Blickkontakt auf. Zwei davon schienen kontaktfreudig. Sie lächeln – ich lächele zurück. Und mir fällt das Video wieder ein, welches ich zuvor gesehen hatte. Ich finde auf die Frage „Wo ist die Welt?“ plötzlich eine Antwort:

Hier.
Ich bin es.
Ein Teil dieser Welt.
Vielleicht ein kleiner, aber ich bin einer.
Und auch ich kann etwas tun.

Und so fasse ich meinen Mut zusammen und frage einen der Männer:
„Sprichst du deutsch?“
„Arabisch“, erwiderte er.
Ich lachte, er auch.
„English?“
„A little bit.“
„Me too.“

Irgendwann stehen alle vier um mich herum. Wir versuchen uns mit Händen und Füßen zu unterhalten. Mein Englisch ist schlecht. Aber wir verstehen das wichtigste. Sie sind vor drei Monaten geflohen. 4 Männer, 2 Frauen – alles Geschwister im Alter zwischen 20 und 30. Zwei davon verheiratet mit Kindern. Sie wohnen in einer Wohnung auf wenig Platz, aber sie scheinen glücklich. Einer sagt ständig: „I love Germany, Germany is good.“

Während unserer lustigen Unterhaltung sagt irgendwann einer zu mir: „I love you.“ Ich versuche ihm zu erklären, dass seine Frau da sicher etwas dagegen hätte. Wir einigen uns dann lachend auf „I like you“. Der Satz ändert sich vielleicht, aber die glänzenden dankbaren Augen bleiben.

Anschließend denke ich mir: Wieso habe ich ihm eigentlich I LOVE YOU ausreden wollen? Die Liebe scheint allgegenwärtig. Es ist nicht die Liebe zwischen Mann und Frau. Sondern zwischen Mensch und Mensch.

Meine Gedanken laufen die ganze Zeit auf Hochtouren. Meine eigenen Probleme werden immer unwichtiger. Als ich im Gespräch fragte, ob die ganze Familie hier wäre, sagte einer: „Yes, nobody died.“

Der Satz geht tief.
Im Schwimmbad fallen meine wässrigen Augen nicht auf.
Aber ich bin berührt.

Die Verständigung ist holprig, dafür lachen wir viel. Es ist lustig, nicht die gleiche Sprache zu sprechen und mit den ulkigsten Handzeichen weiterkommen zu wollen.

Am Abend ist dann ein Treffen: „Hoffnungslicht für Syrien“. Da haben wir uns verabredet. Und wieder – wir begrüßen uns unter den 100 Menschen mit einem Lächeln. Es regnet, ich habe einen kleinen Schirm. Aber genug Platz, um einen der vier mit darunter zu nehmen.

Dann fällt mir etwas auf.
Wir haben die Brücke der Verständigung bereits geschlagen.
Eine Sprache, die überall gleich ist.
Es fing damit an und es endete damit.
Wir lachen gemeinsam.

Einer der Brüder schreibt mir seine Handy-Nr. auf. Ich solle mal die Familie besuchen kommen. Als ich anderen davon erzähle, höre ich: „Kerstin, sei vorsichtig!“ und wieder frage ich mich: Bin ich zu gutgläubig? Muss ich wirklich aufpassen? Worauf denn eigentlich genau? Ich verwerfe die Fragen wieder, weil ich keine Antworten finde.

Vielleicht ist es so: Wenn der Glaube an den Frieden stark genug ist, dass dann Angst und Unsicherheit keinen Platz haben?

Ich habe jedenfalls eins für mich verstanden: Ich bin ein Teil dieser Welt. Ich bin ein Mensch, genauso wie jeder Flüchtling auch. Ja, wir sind alles Menschen. Egal welcher Nation oder Hautfarbe. Und ich bin fest davon überzeugt, dass wir in Frieden zusammen leben können.

Und nun zünde ich die Kerze von gestern noch einmal an.
Als Zeichen.

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Alles Liebe für euch.

Eure Kerstin
www.kerstin-werner.de

Dieser Text ist eine wahre Geschichte aus meinem Buch „Echt sein ist in“.

 

4 thoughts on “Wo ist die Welt?

  1. Genau so ist es Kerstin! Wenn der Glaube an Liebe und Frieden groß genug ist, dann hat Angst und Unsicherheit keinen Platz. Und ja, mich macht es auch manchmal ( ne, eigentlich oft) immer sprachloser. Aber es geht ja auch ohne viele Worte! 🙂 Ja, hier ist die Welt! Und jeder kann was tun, was Kleines mit großer Wirkung.
    Herzliche Grüße
    Iris

    • Ja, hier ist die Welt.
      Vor unseren Füßen.
      Wir brauchen nicht weiter suchen.
      Danke Iris.

  2. Kerstin Schmeling

    Liebe Kerstin,
    du sprichst mir mit deinen Worten aus der Seele! Ich dachte in der letzten Zeit, nur mir ginge es so! Auch ich bin oft sprachlos und finde es so schade, dass viele Menschen Angst haben, anstatt mit Neugier und echtem Interesse auf den Anderen zuzugehen. Wo Liebe ist kann die Angst nicht existieren. Unsere Welt ist so schön bunt, wenn man offen ist für die Menschen, wir können so viel voneinanderlernen!
    Herzensgrüße
    Kerstin

    • Wie schrieb ich mal: „Wir erfahren ganz andere Sachen, wenn wir MIT den Menschen sprechen statt ÜBER sie.“
      Danke dir, liebe Kerstin.

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